Kaff in den Werken Arno Schmidts

Im Folgenden werden die verschiedenen Hinweise auf und Zitate aus Kaff im Werk Arno Schmidts dokumentiert. Die Belegstellen sind chronologisch nach Niederschrift bzw. Entstehungszeit sortiert.

Der Roman hat im Werk Arno Schmidts verschiedene Spuren hinterlassen. Dabei handelt es sich etwa um die gelegentliche Erwähnung des Arbeitstitels Die Stadt der Vergnügten, häufiger aber um ein Aufgreifen der Wortspiele »Kriemhild / Cream Hilled« und »Kalter Krieg / Calton Creek« aus der Nibelungenlied-Parodie in Kaff auch Mare Crisium (vgl. BA I/3, S. 79–86).

Ansonsten wird Kaff immer wieder als Beispiel für die literarische Form des »Längeren Gedankenspiels« oder als Vorstufe zu Zettel’s Traum angeführt.

Kosmas oder Vom Berge des Nordens

N
Januar 1954
ED
Krefeld, Baden-Baden: Agis 1955.

(Dann noch die ‹Stadt der Vergnügten›; aber das ist ein Buch für sich).

BA I/1, 485

Berechnungen II

N
bis 4. November 1955
ED
In: Texte und Zeichen 5, 1956
Von den in der Tabelle angeführten Titeln ist der mit einem Asteriskus *) gekennzeichnete [= Die Stadt der Vergnügten] so weit vorbereitet, daß es »nur« noch der Niederschrift, der Punktschweißung des vorhandenen Materials, bedürfte, d. h. eines Zeitraums von schätzungsweise 1 Jahr – vorausgesetzt, daß ich mich ungestört solcher Arbeit widmen könnte, was schwerlich der Fall sein wird.
BA III/3, 282 u. 284

Tabelle: In den Berechnungen II gibt Schmidt eine tabellarische Aufstellung der drei verschiedenen Typen eines „Längeren Gedankenspiels“. Die Stadt der Vergnügten wird dabei dem „Typ 3“ zugeordnet: „Gefesselter. »Entrückung« des wertvolleren Subjektteils nach E II; rettende Schmerzverlagerung.“ (BA III/3, 282)

Die Feuerstellung / Bald

N
19. September 1955
ED
Bargfeld: Arno Schmidt Stiftung 2002

Nebel im Wald. (Oder waren bloß wieder die Brillengläser beschlagen? – Prüfend Kopf kreisen; – ? –: Nee: Nicht=Ich!)

Also gemeinster poetischer Nebel, bon, und ich nickte ihm innig zu: die Kahmhaut eines Himmels, in der es nachher von 3000 Sternbazillen wriggeln würde.

BA Supplemente 1, 37

Brillengläser beschlagen: „Hier wurde der Hintergrund noch undeutlicher. (Oder waren bloß wieder die Brillengläser beschlagen? Prüfend Kopfkreisen –: ? –: Nee; Nicht=Ich; nix Kahmhaut. Gewöhnlichster hundspoetischster Nebel.“ (BA I/3, 11)

Das Geheimnis von Finnegans Wake

N
Juli 1960
ED
Rundfunkaustrahlung am 18. November 1960
Wenn, meinethalben, in einem Buch auf dem Küchenheerd Töpfe & Pfannen lecker rumohren: dann muß es mir erlaubt sein, dies mit einem ‹h› zu schreiben; Hinweis auf den Verfasser des GEISTES DER KOCHKUNST. / Oder, um in 2 Sprachen tiefsinnig zu tändeln: das muß jeder ‹gute Leser› merken & genehmigen, wenn ich den ‹Kalten Krieg› zwischen Ost & West als trennenden Strom auffasse, und ihn als ‹Calton Creek› dahinströmen lasse.
BA II/2, 473

rumohren: „Rumohrte & schimmfte leis’.“ (BA I/3, 156)

Hinweis auf den Verfasser: Carl Friederich von Rumohr. Sein Buch Geist der Kochkunst erschien erstmals 1822 bei Cotta in München unter dem Namen seines Dieners und Mundkochs Joseph König.

Eberhard Schlotter: Das zweite Programm

N
März 1961
ED
In: Akzente, 1967, Heft 2

Raketisten werkeln uralwärts, alla Charon jun., quer Über den Calton Creek

BA II/3, 19

Der Triton mit dem Sonnenschirm

N
Juni 1961
ED
Stahlberg, Karlsruhe 1969

B. […] Sie wollen damit demnach sagen, daß man nicht nur ohne Widerstände, sondern sogar mit Schwung & Feuer an die Lektüre herangehen, und sie auch möglichst nicht unterbrechen müsse? Daß man, um einen astronomischen terminus zu gebrauchen, sich erst ‹einsehen› müsse? Der Kleine Fritz vermeint freilich, er brauche nur das entsprechend=große Fernrohr ans Auge zu setzen, und schon sähe er die ‹Brücke› im MARE CRISIUM; wo doch jeder Fachmann weiß, daß das diverse Lunationen voll leidenschaftlichen Hinschauens und fleißiger Gewöhnung erfordert.

BA III/2, 39

Schwänze

N
April bis Juni 1961
ED
In: Konkret, 5. September 1961

Und sie machte doch interessierte Germanistinnen=Augen; (leider stützten eben 2 dunkelgrün gekleidete Coca=Cola=Fahrer einen Besoffenen an unserem Hüttlein vorüber; sodaß mein nonchalantes, »Es ist auch eine Ehre, jahraus=jahrein den worst=seller zu liefern« wirkungslos verpuffte – jetzt wußte ich nichts mehr.)

BA I/3, 323

In Erkenntnis dieser Tatsache – obschon nicht viel ‹Erkenntnis› zu so was gehört; simpler gesunder Menschenverstand tut’s vollkommen – hat sich, wohl in unbewußter Nach=Vollziehung dieser=meiner Einsicht (ich bin mit dem Vorwurf des ‹Plagiats› nicht so schnell bei der tintigen Hand), ein neuerer junger Autor in seinem Buch vom ‹KAFF, auch Mare Crisium› den nachdenklichen Scherz geleistet, und einen ‹Benenner› mit auf den Mond verfrachten lassen; der natürlich, ‹ein echter Dichter› und ergo ebenso stinkfaul wie anti=technoid, entscheidend versagt.

BA I/3, 330

jahraus=jahrein den worst=seller zu liefern: Mit dieser Formel umschreibt Schmidt in seinen Briefen Kaff auch Mare Crisium.

»‹Wahrheit› – ?», seggt Pilatus un grifflacht .....

N
1.–4. August 1962
ED
In: Schwierigkeiten heute die Wahrheit zu schreiben. München: Nymphenburger, 1964

Um dem Leser die Einsicht in die wechselseitige Durchdringung dieser beiden Welten zu erleichtern, ist es erforderlich, bestimmte Druckanordnungen zu entwickeln, die ihm das Nachvollziehen am schnellsten erlauben – sein Buch absichtlich unverständlich macht nur der Narr oder der Scharlatan! – es ist ohnehin mühevoll genug, und eine ungewohnte Zumutung an den Leser (obwohl sie sich durchaus lohnt), wenn er sich synchron zweier, immerfort fragmentarisch durcheinanderwölkender ‹Handlungen› bemeistern soll; zumindest solange, bis er eingesehen hat, daß es sich letztlich allerdings nur um eine, freilich aus 2 tief ineinander eingreifenden Hälften bestehende Einheit handelt. In ‹KAFF› habe ich dergestalt die beiden Handlungen auf jede Seite leicht auseinandergerückt; und der ‹Verzahnungen› sind 930 – wer’s nicht glaubt, darf nachzählen.

Freilich muß ich sogleich eine weitere, große ‹Erschwerung› berücksichtigen – nicht nur dem Leser eine, sondern noch weit mehr dem Prosaformer selbst! –: 1 der ganz wichtigen Steuerungen unserer krausen Gedankenfolgen muß, (das ist wissenschaftlich längst eingesehen, obschon noch nicht erschöpfend untersucht), davon determiniert sein, wie in unserem Gehirn die Worte beieinander lagern. Womit nicht nur gemeint ist, daß eine Buchstabenfolge wie etwa ‹TAU› gleichzeitig die Bilder antippt : der endlos=massiven, grau=biegsamen Trossenschraube; des Glasperlenspiels um Sonnenaufgang; meinethalben auch des kleinen griechischen Alfabetlings mit seiner netten Pilz=Grafik. Sondern daß unbeaufsichtigt im Unterbewußtsein herumvagabundierende Vorstellungen sich Wortähnlichkeiten berufen gern zunutze machen um zu ‹erscheinen›; also etwa bei ‹Kriemhilt› sich fürwitzigerweise das englische ‹cream=hilled› einstellt – karikierend, und doch nicht karikierend, (denn es dürfte sich bei der betreffenden Dame ja einwandfrei um den gefragten ‹Germania=Typ› gehandelt haben). Oder wenn mir, dem vielbändigen Übersetzer, sich anstelle des abgenützten ‹Kalten Krieg› auf einmal ein stygischer Grenzfluß ‹Calton Creek› einstellte. Die Worte sind in unseren Köpfen nämlich mit nichten orthografisch oder logisch gestapelt; sondern fonetisch, und auch das noch nach sehr freien Prinzipien […]: weshalb ich in meinem Buch fonetisch schreiben mußte. –

BA III/4, 489

es ist ohnehin: Ab hier wurde der Rest in der Reinschrift des Textes getilgt und durch ein „Hier breche ich ab“ ersetzt (s. BA III/4, 239).

Sitara und der Weg dorthin

N
August 1962 bis Februar 1963
ED
Karlsruhe: Stahlberg 1963

Viele Kalauer & alle Wortspiele beruhen darauf, daß der Fonetismus einer Silbe automatisch die ‹Nebenbilder› aller ähnlich klingenden hervorruft, man mag das nun wollen oder nicht; (und durch Benützung von mehreren Sprachen nimmt die Möglichkeit ‹echter› – das heißt ‹sinnvoll=legitimer› – Kombin= & Permutationen mächtig zu: wenn ich Frau Siegfrieds Vornamen schalkisch als ‹cream=hilled› schreibe, dann deckt sich das ja nicht nur fonetisch trefflich, sondern malt gleichzeitig eine der Hauptattraktionen jedweder Miß Germania!)

[…]

JOYCE’s bedeutend=sibyllinisches Buch von ‹Finnegans Wake› lebt & zehrt in größtem (allzu großem) Ausmaß vom bewußten Gebrauch dieser Methode – ‹allzugroß› deswegen, weil die Gefahr ‹subjektiver Verdunkelung›, die ‹Unsicherheitsrelation› das Nachvollziehen verhindert, (CARROLL war ‹klüger›; JOYCE ‹genialer›); (auch ich habe in meinem ‹Kaff auch Mare Crisium› reichlichen Gebrauch von der Möglichkeit gemacht, die Gewinnung der beim Leser gewünschten Assoziationen durch fonetische Schreibung zu erleichtern, zu beschleunigen, ja, sie zuweilen überhaupt erst zu ermöglichen – auch ich bin damit ‹zu weit gegangen›; (‹zu weit› nicht, was die Technik & die darin schlummernden Möglichkeiten (& auch meine Fähigkeiten) anbelangt; wohl aber, was alle=meine Zeitgenossen, und deren Fassungskraft anbetrifft).

BA III/2, 160 f.

Sylvie & Bruno

N
29. November bis 11. Dezember 1962 und 25. Januar bis 10. Februar 1963
ED
In: Arno Schmidt, Trommler beim Zaren. Karlsruhe: Stahlberg 1966
Ich habe, wie gesagt, auf die Verhältnisse bereits vor vielen Jahren hingewiesen; und sie auch einmal an einer umfangreichen Modellarbeit (‹KAFF›) zu exemplifizieren versucht – die Nicht=Teilnahme der Leserschaft übertraf die kühnsten Erwartungen.
BA III/4, 261

die Verhältnisse: Von „Realität“ und „Längerem Gedankenspiel“.

Zettel’s Traum

N
1963 bis 1969
ED
Karlsruhe: Stahlberg 1970

(Er führte, gelassn, den Arm in sein’ Sack=ein: …? … –:! – / ((zog der HalbKerl doch tatsächlich 1 Meiner Producte …? (das Große Gelb=Schwartze; (auch dàs=noch!))

BA IV/1, 1050

hat ma ne Katholin Mein ›KAFF‹ erstandn, weil se n UnterTitl als ›Mare Cristum‹ mislesn hatte!

BA IV/1, 1046

das Große Gelb=Schwartze: Das Umschlagbild der Erstausgabe von Kaff zeigte auf gelben Grund einen schwarzen Mond und eine schwarze Fläche mit weißem Titelschriftzug.

Vorläufiges zu Zettels Traum

N
Aufzeichnung am 20. März 1969
ED
Frankfurt/M.: S. Fischer 1977.

Ich habe bereits früher einmal ein Zwei-Spalten-Buch vorgelegt; es ist KAFF, AUCH MARE CRISIUM, wo sich ein Pärchen während einiger Ferientage in Niedersachsen damit ergetzt, einen Traum vom Mond zu entwerfen; also zum Zeitvertreib ein längeres Gedankenspiel. Schon das Format – war – manchen Buchhändlern anstößig groß, was natürlich – von mir aus gesehen ein nichtswürdiges Argument ist. Ob man das nu mal ins Regal stellt oder’s auf’n Tisch legt, das spielt ja wohl keine Rolle.

VzZ, 34

Dankadresse zum GoethePreis 1973

N
27. Juli bis 8. Aubust 1973
ED
Frankfurter Rundschau, 29. 8. 1973

Ich hoffe wenigstens, einige neue Möglichkeiten praktisch demonstriert zu haben: in der SEURAT=mäßigen PointillierTechnik meiner frühesten Stücke; den ‹FotoAlben› der ganz=kurzen, lyrisch=rasanten; und endlich den schwierigen ‹Mehr=Spalten=Büchern›, von ‹Kaff› an; die, sorgfältig geflochtene Zöpfe, dem Feinbau der Persönlichkeit, und deren Gedankenspielen gerecht zu werden versuchen.

BA III/4, 465

Abend mit Goldrand

N
Juli 1974 bis Februar 1975
ED
Frankfurt/M.: S. Fischer 1975

A&O (lustlos=ablehnend): »M=m. Junge Leute=heute – und auch ganze Richtung’n, à la Marxismus – sind überlieferungsfeindlich. Und Wir=unsrerseits Fremdlinge im Gebiet moderner Künste & des Zeitgeistes. Ich hab mich zeitlebms bemüht, meine ›TraditionsReihen‹, nach hintn zu, ausfindich zu mach’n; und mich (wenichstns zu Zeit’n) durchaus als ›KettenGlied‹ zu empfind’n: ich freue mich über Vorgänger. Sei das in Hinblick auf die gesamte Mentalität, wie bei LUKIAN oder WIELAND; (obschon mir durchaus die Gabe ward, auch JEAN PAUL oder COOPER würdij’n zu könn’n). Sei’s mit Bezug auf die OberflächenBehandlung, wie bei FISCHART, SMOLLETT, JOYCE. Oder ebm auch was die Konstruktion, das ›Gerüst‹, anbelangt: ich meine, HOFFMANN’s ›Prinzessin Brambilla‹ ist imgrunde genau so ein ZweispaltenBuch wie ›Kaff‹; (und auch CARROLL’s ›Sylvie und Bruno‹ sollte man, der lieben leichteren Verständlichkeit willen, diese DruckAnordnung geben). […]«

BA IV/3, 215

Portrait einer Klasse

N
Herbst 1978
ED
Frankfurt / M.: S. Fischer 1982
Wir lasen im Unterricht so manches Stück ›mit verteilten Rollen‹; etwa HEBBEL’s ›Nibelungen‹, wo ich, als König Gunther, mir den Witz erlaubte, und die Hände der heiratslustigen Siegfried & Kriemhilt (›cream-hilled‹) ineinander legte – da standen Die nun, verlegen, und wußten nicht, was weiter ! (Meine Parodie in ›KAFF‹ geht zT hierauf zurück. (Anekdoten, die, um nicht ganz zu verlöschen, sich verändern müssen.))
PeK, 9

Wir lasen im Unterricht: Vermutlich um 1925.

Julia, oder die Gemälde

N
10. Februar bis 30. Mai 1979
ED
Zürich: Haffmanns 1992

ich treffe alle meine Gestalten:
1.) hat Tante Hete #!
2.) Franziska zankt mit Martina
3.) Schwarze Spiegel: 2 80jährigen, die noch uff’nander #
4.) Thalja guckt aus d Gebüsch

ZJU, o.p. [16]