Kaff und Lilienthal 1801

Arno Schmidt schrieb Kaff auch Mare Crisium in verblüffend kurzer Zeit vom 13. November bis zum 19. Dezember 1959, also in nur fünf Wochen nieder. Die Pläne reichen jedoch sehr weit zurück. In einem Brief an Hans Wollschläger vom 22. Januar 1960 erläutert Schmidt das „Mirakel an Schnelligkeit“ (LDA, 10) mit dem Hinweis, der Roman sei aus zwei unterschiedlichen Projekten entstanden, für die er schon seit langem Material gesammelt habe.

Eines dieser beiden Projekte taucht bei Schmidt an verschiedenen Stellen unter dem Titel Die Stadt der Vergnügten auf; hier handelt es sich vermutlich um die Mondgeschichte, die Karl in Kaff seiner Freundin Hertha erzählt. Für die Erdhandlung lassen sich keine direkten Vorarbeiten nachweisen. Eine Tagebuchnotiz Alice Schmidts vom 13. Juni 1953 könnte darauf hindeuten, dass dafür der Titel Die Reise ins Blaue hinein vorgesehen war, allerdings finden sich dazu im Nachlass keine weiteren Materialien und es ist ebenfalls sehr gut möglich, dass mit diesem Titel die Seelandschaft mit Pocahontas gemeint war, an der Schmidt zu diesem Zeitpunkt arbeitete (SmP, 197). Spekulation muss auch die Überlegung bleiben, ob der geplante Text Falk-Werke AG (bei den Falk-Werken sind Hertha und Karl angestellt) eventuell auf die Erdhälfte des Romans verweist (LDA, 10).

Auf deutlich sichererem Terrain bewegt man sich allerdings an anderer Stelle. So hat Bernd Rauschenbach anhand der erhaltenen Zettel und Notizen zu Lilienthal 1801 nachweisen können, dass Schmidt dieses Material in Kaff übernommen hat, auch wenn die Materiallage es nicht erlaube, den „Lilienthal-Anteil an KAFF“ zu extrapolieren (LDA, 11).

In den Lilienthal-Notizen findet sich etwa das leitmotivische „Nichts Niemand Nirgends Nie !“, das Kaff wortwörtlich von der ersten bis zur letzten Seite durchzieht und natürlich hätte auch der Mond eine sehr große Rolle gespielt, ist doch der Astronom und Mondforscher Schroeter eine der zentralen Figuren des Lilienthal-Projekts (vgl. dazu auch: Zwei kleine Planeten – ein großer Schüler von 1954 [BA III/3, 139–141]). Zudem wird „Schroeter sen.“ in einer (durchgestrichenen) Notiz als „Gedankenspiel“ das Stichwort „Mare Crisium“ zugeordnet, während Schroeter „jun.“ sich mit „Sintflut + Archenfahrt“ beschäftigen sollte, womit beide Romanhälften von Kaff auch Mare Crisium stichwortartig aufblitzen (LDA, 64).

Auch in den wenigen erhaltenen Notizen und Zetteln zu Kaff lässt sich mindestens ein Hinweis auf den Lilienthal-Komplex ausmachen: Als Geburtsort des Ich-Erzählers Karl Richter notierte Schmidt „Lilienthal“.

Neben diesen sehr deutlichen Entsprechungen gibt es eine Fülle von Übernahmen und Parallelen, von denen die auffälligsten im Folgenden beispielhaft dokumentiert werden.

Lilienthal 1801
Zitiert nach: BA Supplemente 1
Kaff auch Mare Crisium
Zitiert nach: BA I/3

Es schalkt und marxt vorn im Röhricht. (53)

es schalkte & marxte aber auch tatsächlich dortvorn im Röhricht (13)

Der graue Brei der Erde. (53)

Der graue Brei der Erde. (11)

Auf weißer Nebelhaut schwarzes Geäder (53)

Und die weiße Nebelhaut schickte sich doch wohl an, wieder=dichter zu werdn? : Schon könnte man vom ‹schwarzen Geäder der Äste› darauf schprechen, ohne sich als sonderlich ‹fein=sinnich› zu blamiern. (210)

So lose: fällt ein schwarzer Vogel auf den Zweig –: sogleich faltern 2 braune Blätter nach unten weiter. (53)

So lose fiel 1 schwarzer Vogel auf seinen Zweig: so gleich falterten 2 braune Blätter nach unten weiter. (12)

sofort hinkt drüben 1 Hase davon (53)

Dabei sah sie bereits intressiert dem davonhinkenden Hasen nach (13)

1 Blatt, was sich wie ein Spatz benimmt (54)

Und 1 Blatt, das sich wie 1 Schpatz benimmt (14)

die schwarze Perlenschnur Schafkot (54)

die schwarze Perlenschnur des Schafkots (14)

daß wir uns derart an diese grünen Zitterscheiben gewöhnt haben ! (54)

»Daß wir uns so an diese grünen Zitterscheibchen gewöhnt haben, ist natürlich .....« : »Reine Gewöhnung.«, half sie mir ironisch ein. (11 f.)

Heulepforte schreiestufe (54)

Und schleifte sie durch die Gasthofstür, heuleforte schreieschtufe; an der Kasse vorbei (55)

Er atmet erst tief ein –; und dann aus: als wäre er auch innen ganz voller Nebel! (54)

Sie schnob gleich, verächtlich & weiß, (wie wenn sie innen gans voller Nebel wäre. – (17)

In der Tasse ein Ohrwurm?: Das gibt’s in Bodenkammern. – (Sie kippt ihn auf’s Dach: aus.) (55)

(In der Tasse 1 Ohrwurm? Kommt vor in Bodnkammern.: Sie kippte ihn, durchs schräge Einfalt=Fenster, hinaus aufs Dach.) (115)

Gedanken (eines schwarzfleckigen Gedächtnisses): Das Gewölbe des Ohrs zerfällt; die Augenteiche trocknen aus (55)

Aber auch hier: das Gewölbe des Ohres zerfällt doch mal; die Augenteiche trocknen aus; (132)

(ihr Fuß macht eine liederliche Bewegung.) (55)

und ihr Fuß zeigte liederlich eben=dort hinüber (11)

und machte mit dem Fuß 1 liederliche Gebärde (71)

die Fingerspitzen sind in einem schrecklichen Zustand: die Nägel abgebissen; die Haut der Kuppen benagt, an manchen Stellen bis aufs Blut; sie hält die Fingertaranteln aus. (55)

Denn Sie saß wieder da; und naakte sich die Haut von den Fingerkuppen, in schmahlen Schpänchen, (bis es zu weh tat; manchma blutete es ein bißchen. Einmal, als ich Sie schtreicheln wollte, hatte sie die Hände geschpitzt, und mich damit weck=geschtochn. (127)

Göttin d. Vernunft (57)

sie ist die Göttin der Vernunft! (58)

›Göttin der Vernunft‹ (60)

Das ist doch die Göttin der Vernunft! (71)

und breitete sie [die Jacke] vor Tanndte Heetes Füße : Schreite darüber, Göttin der Vernunft ! (93)

‹Disteln & Katzn› : Lieplinx=Tiere der Göttin der Vernummft. (204)

Hundehütte mit Pferdeköpfen; die schräg gesägten Stuhlbeine: zum schnelleren Essen ! (62)

eine Hundehütte; mit aufgemaltem Fachwerk; am Giebel 2 Ferdeköpfe, die einander ansahen. (37)

Und immer die Bruchschtücke von Informationen dazwischen; über den Mann, der drüben die sassische Hundehütte konstruiert hatte : […] Bei den Diensboden hat er ma die Vorderbeine von der=ihrn S=tühln schräg=kürzer geseecht, damit die automatisch inne Schüssel noch tiefer rein ducken: da wär der ‹Eßweg› zum Munt verkürzt, und es ging weenijer Zeit verlorn: hadd’er ganz offen gesacht. (41 f.)

am 13.7.1788 unmittelbar vor der Ernte: das große Hagelwetter: im Umkreis von 60 Meilen um Paris ist die Verwüstung vollständig (84)

[vgl. die Beschreibung des Hagel-Unwetters von 1755; (105–107)]