Kleine Chronologie zu Kaff
Kurz vor der Niederschrift von Kaff, im Oktober 1959, hat Schmidt das Werden eines Romans geschildert:
Selbstverständlich hat der Sammelvorgang relativ ‹kalt› zu erfolgen: das gerichtete Aufsuchen und Notieren von Charakteren, Beleuchtungen und Kleindetail aller Art, erfordert Jahre; man muß ja schließlich alles zum Thema Gehörige angefaßt haben, gerochen, im Munde gehabt. Und man stopft ja mit nichten Alles zwischen die 4 Ecken einer Prosa=Seite; sondern ‹sieht› letztlich nur noch das, was ‹dazu› brauchbar ist. Die zu einem guten Stück erforderlichen 1–3 Tausend Zettel – vom Stichwortumfang an, bis zur fertigen Viertelseite – jeder einzelne ein halbes Dutzend mal umgeschrieben, muß man freilich zunächst unterkühlt halten – nicht bloß »kalt« – damit das Material nicht vorzeitig zu keimen anfange.
Ein Anderes ist dann freilich die Zusammenschweißung, die nahtlose, des solchergestalt lange und mühsam an sich gezogenen Materials – dabei treten natürlich ‹Zustände› auf, denen des lyrischen Kurzarbeiters ähnlich; (aber immer noch mit dem beachtlichen Unterschied, daß die unsägliche Konzentration des Prosaschreibers ein rundes halbes Jahr anzuhalten hat: selig, wem Allah hierfür die Knochen eines Ochsen verlieh !)
BA III/3, 493
Der hier schematisch dargestellte, eine Reihe von Jahren währende, stufenweise ablaufende Vorgang ist nicht nur am Beispiel von Kaff nachvollziehbar, sondern wohl für alle Romane Schmidts vorauszusetzen.
Die folgende Chronologie zu Kaff auch Mare Crisium stützt sich auf die bislang publizierten Materialien und muss notgedrungen unvollständig und fragmentarisch bleiben. Sie versteht sich daher nur als vorläufiges Grobgerüst zur ersten Orientierung, das eine spätere Arbeit ergänzen und, wo nötig, revidieren muss.
Die Quellen werden mit Kürzel (s. dazu das Abkürzungsverzeichnis) und Seitenzahl angegeben, auf die Müthersche Bibliographie wird mit Ordnungsziffern verwiesen.
um 1925
In Arno Schmidts Klasse werden Hebbels Nibelungen mit verteilten Rollen gelesen (Schmidt liest König Gunther); diese Lektüreerfahrung ist eine der Quellen der Nibelungen-Parodie in Kaff.
(PeK, 9)
13. Juni 1953
Schmidt macht Notizen zu zwei geplanten Büchern: Die Reise ins Blaue hinein und Die Stadt der Vergnügten.
(SmP, 197)
Januar 1954
In Kosmas oder Vom Berge des Nordens denkt der Ich-Erzähler Lykophron beim Anblick des Mondes an ein Buch namens Die Stadt der Vergnügten.
(BA I/1, 485)
1955 bis 1958
Schmidt recherchiert für den geplanten Roman und sammelt Materialien vor Ort.
(BA Supplemente 1, 107 f.)
November 1955
Schmidt nennt in den Berechnungen II den geplanten Roman Die Stadt der Vergnügten als Beispiel für einen Text, in dem E I und E II verschränkt werden; für die Niederschrift benötige er noch etwa ein Jahr ungestörter Arbeit.
(BA III/3, 282 und 284)
Juli / August 1957
Niederschrift der Gelehrtenrepublik; zu Beginn des im Jahr 2008 spielenden Romans erfährt Charles Henry Winer, dass der Mond bereits von verschiedenen Nationen kolonisiert und das Mare Crisium von den Chinesen besetzt gehalten wird.
(BA I/2, 230)
1958 bis 1959
Schmidt sammelt circa 1.200 Zettel zu Kaff auch Mare Crisium.
(Titelblatt des Manuskripts)
28. / 29. Oktober
1959
Zeitpunkt der irdischen Handlung des Romans.
(BA I/3, 91 u. 543)
1. November 1959
Schmidt sammelt Notizen zum Roman.
(BWM, 136)
8. November 1959
Das erste Handlungsgerüst des Romans wird erstellt.
(LDA, 10)
13. November bis
19. Dezember 1959
Dauer der Niederschrift (Rohfassung); Schmidt arbeitet überwiegend in den frühen Morgenstunden. Das Manuskript umfasst 134 Seiten.
(Arno Schmidts Tagebuch)
1960 bis 1970
Das Jahrzehnt, für das Karl Richter die atomare Vernichtung der Erde prognostiziert.
(BA I/3, 20)
9. bis 14.
Januar 1960
Durchsicht des Manuskripts.
(Arno Schmidts Tagebuch)
19. Januar bis
29. Februar 1960
Reinschrift und letzte Korrektur des Romans.
(Arno Schmidts Tagebuch)
10. März 1960
Datum des mit „D. Martin Ochs“ unterzeichneten Vorworts des Romans.
(BA I/3, 9)
2. Mai 1960
Der Verlagsvertrag mit Stahlberg ist unterschrieben.
(BES, 133)
11. Juli 1960
Die Setzarbeiten am Roman haben begonnen.
(BAA, 212)
14. August 1960
Der Roman ist im Druck, der Schutzumschlag wird von Imre Reiner gestaltet.
(BES, 139)
27. September 1960
Die Fahnenkorrektur ist abgeschlossen, von der Umbruchkorrektur ist der erste Bogen fertig.
(BWM, 174)
1. November 1960
Der Roman wird gedruckt und gebunden.
(BES, 148)
25. November 1960
Der Roman soll in den ersten Dezembertagen auslieferungsbereit sein.
(BWM, 184)
27. November 1960
Die Auslieferung des Romans soll laut Verlag am 2. Dezember beginnen; Schmidt rechnet eher mit dem 20. Dezember.
(BWM, 187)
Dezember 1960
Kaff auch Mare Crisium erscheint bei Stahlberg in Karlsruhe. Das Buch hat 346 Seiten, der Einband stammt von Imre Reiner.
(Müther, 1.2.11.1)
16. Mai 1961
Kaff auch Mare Crisium wird von der Darmstädter Jury zum „Buch des Monats Mai 1961“ erklärt.
(Müther, 1.2.11.2 (16.05.1961))
18. Januar 1969
Zum 55. Geburtstag Arno Schmidts erscheint als Privatdruck eine Sonderausgabe des Romans in einer Auflage von 25 nummerierten Exemplaren unter Verwendung des Buchblocks der Erstausgabe. Der Band ist mit sieben Radierungen von Eberhard Schlotter und acht Fotografien von Jürke Grau versehen.
(Müther, 1.2.11.1 (18.01.1969))
Februar 1970
Der Roman erscheint als Taschenbuch im Fischer Taschenbuch Verlag (FTB 1080). Der Umschlagentwurf stammt von Hans-Jürgen Spon, ab dem 16. Tausend von Jan Bucholz und Reni Hirsch. Die Ausgabe erlebt zu Schmidts Lebzeiten mehrere Auflagen.
(Müther, 1.2.11.1)
1980
Das Jahr, in dem die Mondhandlung spielt.
(BA I/3, 9)
